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CANNABY · CBD bei Tourette (cbto)

CBD & Tourette

CBD bei Tourette: Was die Studien zeigen und was nicht

CBD gilt vielen als die sanfte Alternative, wenn Neuroleptika zu viele Nebenwirkungen machen. Bei Tourette hält sich deshalb hartnäckig die Vorstellung, ein Öl aus dem Handel könne die Tics dämpfen. Diese Erwartung trifft nicht das, was CBD tatsächlich tut, und sie führt an der Frage vorbei, die dir im Alltag wirklich weiterhilft. Denn zwischen dem, was Cannabinoide bei Tourette leisten, und dem, was in einem CBD Öl steckt, liegt ein entscheidender Unterschied.

Das Wichtigste im Überblick

  • Nein, CBD lindert Tics nicht nachweislich. Kontrollierte Studien zeigen für reines CBD keinen Effekt auf die Tic-Schwere.
  • Die positiven Daten stammen fast alle von THC oder THC-CBD-Kombinationen, die es nur auf Rezept gibt.
  • Die bislang größte Studie mit 97 Erwachsenen verfehlte ihren Hauptendpunkt.
  • CBD kann bei Stress, Anspannung und Schlaf ansetzen, also an Faktoren, die Tics verstärken können.
Dr. med. Wolfgang Furtlehner
Medizinisch geprüft

Dr. med. Wolfgang Furtlehner

Arzt | Doktor der gesamten Heilkunde

Fachlich korrekt, evidenzbasiert und aktuell.

Mehr über Dr. Furtlehner
Inhaltsverzeichnis
  1. Hilft CBD bei Tourette?
  2. Warum fast alle Studien THC untersuchen
  3. CBD neben deiner Behandlung
  4. Häufige Fragen
  5. Fazit

Hilft CBD bei Tourette?

Nein, für eine Wirkung von CBD auf Tics gibt es keinen Beleg. Der Grund liegt in einer Verwechslung, die sich durch fast alle Texte zum Thema zieht: Die ermutigenden Ergebnisse, auf die sich diese Texte stützen, stammen aus Untersuchungen mit THC oder mit Kombinationen aus THC und CBD. Was reines CBD für sich genommen bewirkt, wurde deutlich seltener geprüft, und dort, wo es geprüft wurde, fiel das Ergebnis anders aus als erhofft.

Die größte Untersuchung dazu stammt aus Deutschland und erschien 2023. 97 Erwachsene mit Tourette oder einer chronischen Tic-Störung erhielten über 13 Wochen ein Mundspray mit THC und CBD zu gleichen Teilen oder ein Scheinpräparat. Auf die Behandlung sprachen 21,9% an gegenüber 9,1% unter dem Scheinpräparat, ein Abstand, der statistisch nicht ausreichte, um eine Überlegenheit zu belegen.

Diese Zahl ist wichtig für deine Erwartung, und zwar in beide Richtungen. Sie zeigt, dass Cannabinoide bei einem Teil der Betroffenen etwas bewirken. Sie zeigt aber auch, dass der Effekt kleiner ist als die Berichte im Netz vermuten lassen, und dass er sich selbst bei einer THC-haltigen Arznei nicht sicher nachweisen ließ.

Näher an deiner eigentlichen Frage ist eine kanadische Studie aus demselben Jahr, denn sie hat als einzige reines CBD mitgetestet. Zwölf Erwachsene bekamen nacheinander verdampftes THC, eine THC-CBD-Mischung, reines CBD und ein Scheinpräparat. Auf dem Haupt-Tic-Maß unterschied sich keines der Präparate deutlich vom Scheinpräparat, und reines CBD schnitt in den Zusatzauswertungen am schwächsten ab.

Für dich heißt das konkret: Ein CBD Öl aus dem Handel ist nach heutigem Stand kein Mittel gegen Tics, und wer es dafür verkauft, geht über die Datenlage hinaus. Damit ist die Frage beantwortet, und ab hier geht es um das, was tatsächlich bleibt. Denn Tourette besteht für die meisten Betroffenen nicht nur aus Tics, sondern aus Anspannung, schlechtem Schlaf und dem Druck, sich ständig zusammenzunehmen. Genau dort liegt der Bereich, in dem CBD überhaupt etwas beitragen kann.

Warum fast alle Studien THC untersuchen

Der Unterschied, den du kennen musst, liegt an der Andockstelle. THC bindet direkt an die CB1-Rezeptoren, und die sitzen besonders dicht in den Hirnregionen, die Bewegungsabläufe koordinieren. Genau dort entstehen Tics. CBD bindet dort nicht an, es wirkt über andere Wege im Endocannabinoid-System und beeinflusst Bewegungssteuerung allenfalls indirekt.

Das erklärt dir auch, warum die Forschung von Anfang an dem anderen Cannabinoid gefolgt ist. Zwei kleine kontrollierte Studien mit reinem THC, eine mit zwölf Teilnehmenden als Einzeldosis, eine mit 24 über sechs Wochen, zeigten eine deutliche Verbesserung der Tics. Daraus entstand die ganze weitere Forschungslinie bis zur großen deutschen Studie.

Für dich ist das die eigentlich nützliche Information: Wenn du irgendwo liest, Cannabis helfe bei Tourette, ist damit fast immer THC gemeint. Und THC ist verschreibungspflichtig.

Wie die Fachwelt das bewertet, kannst du in den europäischen Leitlinien zum Tourette-Syndrom nachlesen. Als Mittel mit der besten Datenlage werden dort Dopamin-blockierende Medikamente genannt, allen voran Aripiprazol. Cannabisbasierte Präparate erscheinen erst weiter unten, als Möglichkeit bei therapieresistenten Fällen, gemeinsam mit anderen Substanzen, deren Evidenz begrenzt ist. Reines CBD kommt in dieser Aufzählung nicht vor.

Praktisch bedeutet das einen anderen Weg als den Griff ins Regal. Seit April 2024 lässt sich medizinisches Cannabis in Deutschland auf einem normalen Rezept verordnen, es ist kein Betäubungsmittelrezept mehr nötig. Bei Tourette liegt eine Verordnung allerdings außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete, weshalb du für eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse vor der ersten Verordnung einen Antrag brauchst.

Wenn deine Tics dich stark einschränken und die bisherigen Medikamente nicht ausreichen, ist das Gespräch mit deiner Neurologin oder deinem Neurologen über diesen Weg deutlich aussichtsreicher als ein Öl aus dem Handel. Was CBD von THC unterscheidet, entscheidet hier nicht über eine Nuance, sondern über die ganze Wirkrichtung.

CBD neben deiner Behandlung

Wenn CBD bei Tourette etwas beitragen kann, dann nicht am Tic selbst, sondern an dem, was ihn umgibt. Das ist keine Ausweichbewegung, sondern folgt aus einem gut belegten Zusammenhang: Belastung verschlechtert Tics messbar.

Wo CBD ansetzen kann

Wie stark dieser Zusammenhang ist, siehst du an einer Auswertung von 373 Kindern mit Tourette oder chronischer Tic-Störung, deren Tic-Schwere über drei Jahre hinweg immer wieder erhoben wurde. Je höher die psychosoziale Belastung, desto schlechter die Werte. Übersichtsarbeiten kommen zum selben Schluss, und du kennst den Effekt vermutlich aus eigener Erfahrung.

Damit ist der Ansatzpunkt klar benannt, und hier liegt tatsächlich das Feld, in dem CBD auf die Psyche am ehesten untersucht ist: innere Unruhe, Anspannung, Ein- und Durchschlafen. Ein ruhigerer Abend und weniger Grübeln senken das Belastungsniveau, und ein niedrigeres Belastungsniveau ist bei Tourette kein Nebenschauplatz.

An dieser Stelle muss ich dir aber die Kette aufmachen, damit du sie nicht falsch weiterdenkst. Dass Stress Tics verschlechtert, ist belegt. Dass CBD Stress dämpfen kann, ist plausibel und in anderen Zusammenhängen untersucht. Dass daraus weniger Tics folgen, ist nicht gezeigt. Genau diese Kette haben die Studien geprüft, die die Tics direkt gemessen haben, und dort kam nichts Signifikantes heraus.

Ein Detail aus der großen deutschen Studie passt trotzdem hierher: In den sekundären Auswertungen zeigten sich Trends zugunsten des Sprays bei Depression und Lebensqualität, nicht nur bei den Tics. Das ist kein Beweis. Aber es passt zu dem, was dir vermutlich schon aufgefallen ist: Der Leidensdruck hängt oft weniger an der Zahl der Tics als an allem, was drumherum passiert.

Zu diesem Drumherum gehören auch die Begleiterkrankungen. Zwangssymptome, ADHS-Merkmale und Schlafstörungen treten bei Tourette häufig mit auf, und für CBD bei Zwangsstörungen gibt es eine eigene, ebenfalls begrenzte Datenlage. Wenn eine dieser Begleiterscheinungen dich stärker belastet als die Tics, ist sie der sinnvollere Ansatzpunkt.

Und ein Hinweis, der dir wahrscheinlich mehr bringt als jedes Öl: Für die Anspannung vor dem Tic und den Umgang damit ist eine Verhaltenstherapie das Verfahren mit der besten Datenlage. Sie steht in den europäischen Leitlinien weit vorne. Wer schwer an einen Therapieplatz kommt, sollte trotzdem danach fragen, statt die Suche aufzugeben.

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Was du mit Medikamenten beachten musst

Der wichtigste Satz zuerst: Setze eine laufende Medikation niemals eigenmächtig ab. Bei Tourette kann das Absetzen von Neuroleptika zu einer deutlichen Verschlechterung führen, und diese Verschlechterung erwischt dich unvorbereitet.

CBD wird über Leberenzyme abgebaut, die auch viele Psychopharmaka verarbeiten. Dadurch kann sich der Spiegel eines Medikaments verschieben, ohne dass du etwas davon merkst. Bei Risperidon, Aripiprazol und ähnlichen Wirkstoffen heißt das: Bevor du CBD dazunimmst, gehört das ins Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Welche Wechselwirkungen mit Medikamenten bekannt sind, ist gut dokumentiert, und dein Behandlungsteam kann das für deine konkrete Kombination einordnen.

Zur Verträglichkeit selbst: CBD gilt als gut verträglich, ist aber auch für dich nicht nebenwirkungsfrei. Häufiger sind Müdigkeit, Mundtrockenheit, Durchfall und ein verminderter Appetit. Bei höheren Dosen können die Leberwerte steigen. Das spricht nicht gegen einen Versuch, aber dagegen, die Einnahme als Kleinigkeit zu behandeln.

Wenn du es trotzdem ausprobieren willst, ist der vernünftige Weg der langsame: niedrig anfangen, eine Dosis mehrere Tage konstant halten, mitschreiben, was sich verändert, und nach drei bis vier Wochen ehrlich Bilanz ziehen. Gib das Öl unter die Zunge, lass es etwa 60 Sekunden einwirken und schluck es dann. Passiert nichts, ist Absetzen eine völlig legitime Entscheidung.

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Häufige Fragen zu CBD und Tourette

Gibt es Studien zu CBD allein bei Tourette?
Genau eine kontrollierte, und ihr Ergebnis dürfte dich überraschen. Zwölf Erwachsene erhielten 2023 im Crossover verdampftes THC, eine THC-CBD-Mischung, reines CBD und ein Scheinpräparat. Auf dem Haupt-Tic-Maß zeigte kein Präparat einen signifikanten Effekt, reines CBD schnitt in den Zusatzauswertungen am schwächsten ab.
Reduziert CBD Tics direkt oder wirkt es indirekt?
Direkt nachweisbar reduziert CBD Tics nicht. Denkbar ist ein indirekter Weg, weil Belastung Tics verschlechtert und CBD an Anspannung und Schlaf ansetzen kann. Belegt ist dieser Umweg allerdings nicht: Studien, die Tics direkt gemessen haben, fanden keinen Effekt.
Was unterscheidet CBD und THC bei Tourette?
THC bindet direkt an CB1-Rezeptoren in den Hirnregionen, die Bewegung steuern, CBD tut das nicht. Deshalb stammen fast alle positiven Ergebnisse, die du findest, von THC oder THC-CBD-Kombinationen. Diese Präparate gibt es in Deutschland nur auf Rezept, frei verkäufliches CBD Öl gehört nicht dazu.
Welche CBD-Dosierung wird bei Tourette empfohlen?
Keine. Es existiert weder eine Leitlinienempfehlung noch eine in Studien etablierte Dosis für Tourette, weil die Wirksamkeit nicht belegt ist. Wenn du es dennoch versuchst, starte niedrig, halte jede Dosis mehrere Tage konstant und bewerte frühestens nach drei bis vier Wochen.
Wie schnell wirkt CBD?
Rechne mit 30 bis 60 Minuten bis zu ersten spürbaren Effekten, wenn du das Öl unter die Zunge gibst. Bei Anspannung und Schlaf baut sich der Eindruck erst über Tage auf. Für eine ehrliche Bilanz brauchst du drei bis vier Wochen.
Kann CBD Neuroleptika ersetzen?
Nein. Setze eine laufende Medikation niemals eigenmächtig ab, weil das die Tics deutlich verschlechtern kann. CBD wird zudem über dieselben Leberenzyme abgebaut wie viele Psychopharmaka und kann deren Spiegel verschieben. Besprich jede Kombination vorher ärztlich.
Macht CBD high oder abhängig?
Nein, CBD wirkt nicht berauschend, weil es nicht wie THC an die CB1-Rezeptoren im Gehirn bindet. Ein Abhängigkeitspotenzial ist nicht bekannt, du musst dir darum also keine Sorgen machen. Möglich sind Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Mundtrockenheit, Durchfall oder verminderter Appetit.

Unser Fazit

Ehrlich betrachtet: kleiner als erhofft

CBD bei Tourette ist eine Hoffnung, die auf Daten zu einem anderen Cannabinoid ruht. Die ermutigenden Ergebnisse stammen fast durchgehend von THC oder von Kombinationen aus THC und CBD, und selbst die bislang größte Studie mit 97 Erwachsenen verfehlte ihren Hauptendpunkt. Für reines CBD gibt es genau eine kontrollierte Untersuchung, und die fand keinen Effekt auf die Tics.

Was für dich bleibt, ist trotzdem nicht wertlos, nur kleiner als versprochen. CBD kann an Anspannung, Unruhe und Schlaf ansetzen, und weil Belastung Tics nachweislich verschlechtert, ist das kein Nebenschauplatz. Erwarte davon aber keine Wirkung auf die Tics selbst. Wenn deine Tics dich stark einschränken, führt der aussichtsreichere Weg über dein Behandlungsteam, über eine Verhaltenstherapie und, in therapieresistenten Fällen, über ein verschreibungspflichtiges Cannabis-Präparat.

Medizinischer Hinweis

Dieser Artikel dient deiner Information und ersetzt keinen Arztbesuch. CBD ist kein Medikament und nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu heilen oder zu behandeln. Setze eine laufende Behandlung des Tourette-Syndroms niemals eigenmächtig ab und sprich jede zusätzliche Einnahme vorher mit deiner Neurologin oder deinem Neurologen ab.

Medizinischer Haftungsausschluss
Studien und Quellen
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  2. Abi-Jaoude E, Bhikram T, Parveen F, Levenbach J, Lafreniere-Roula M, Sandor P. (2023). A Double-Blind, Randomized, Controlled Crossover Trial of Cannabis in Adults with Tourette Syndrome. Cannabis and Cannabinoid Research, 8(5), 835–845. liebertpub.com
  3. Roessner V, Eichele H, Stern JS, Skov L, Rizzo R, Mol Debes N, Nagy P, Cavanna AE, Termine C, Ganos C, Münchau A, Szejko N, Cath D, Müller-Vahl KR, Verdellen C, Hartmann A, Rothenberger A, Hoekstra PJ, Plessen KJ. (2022). European clinical guidelines for Tourette syndrome and other tic disorders, version 2.0. Part III: pharmacological treatment. European Child & Adolescent Psychiatry, 31(3), 425–441. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/PMC8940878
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  5. What makes you tic? Translational approaches to study the role of stress and contextual triggers in Tourette syndrome. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. Übersicht zur Verschlechterung von Tics durch Stress und Kontextfaktoren. sciencedirect.com
  6. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). FAQ Medizinisches Cannabis. Verordnung auf normalem Arzneimittelrezept seit 01.04.2024, Kostenübernahme nach § 31 Absatz 6 SGB V. bfarm.de
Dominik Martzy

Dominik Martzy

CBD-Fachautor

Dominik Martzy ist CBD-Fachautor mit Schwerpunkt auf Wirkung, Dosierung und Anwendungssicherheit. Er hat über 300 Fachartikel für CANNABY recherchiert und verfasst, anhand aktueller Studien, mit klarer Trennung zwischen gesichertem Wissen und offenen Fragen.